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Suryoye

 
                                                                       Die Suryoye
                     Heimat-Geschichte-Sprache-Kultur und Identität in Vergangenheit und Gegenwart
 
 
Die heutigen „Suryoye“ sind semitischen Ursprungs und führen ihre Wurzeln auf die altorientalischen Völkerschaften und Hochkulturen Mesopotamiens, der Akkader, Babylonier, Assyrer, Aramäer und Chaldäer zurück. Der Wissenschaft und Gesellschaft sind sie unter verschiedenen Namen wie Aramäer, Assyrer, Chaldäer, Syrer sowie andere regionalen, eingrenzenden bzw. konfessionellen Begriffen wie Jakobiten, Maroniten, Melkiten oder Nestorianer bekannt.
 
Ethnisch betrachtet man u.a. auch die muslimischen Mhalmoye im Turabdin, die sog. Johannes Christen im Irak (Mandäer) und die muslimischen Aramäer im syrischen Malula als Teil der Suryoye.
 
I. Geographie und Heimat
 
 
Die Heimat der Suryoye ist der Vordere Orient und konzentriert sich auf dem mesopotamischen Raum, das als Wiege der Zivilisation bekannt ist. Die Nördliche Grenze ist die Landschaft am Taurusgebirge und reicht südlich bis zum Persischen Golf. Die Berge des Irans grenzen am Osten und im Westen sind es die arabische Wüste und die Hochebenen Syriens.
An den Strömen Euphrat und Tigris sollte die Geburtsstunde der Hochkultur sein, das um etwa 12.000 v. Chr. stattfand.
 
Der Fortbestand der Menschheit forderte es, dass sich Gesellschaftsformen- und Strukturen entwickeln, und mit ihnen die gesellschaftlichen Erfindungen und Berufe, aber auch der Getreideanbau, Zucht und Zähmung der Tiere, die Schaffung von Bewässerungsanlagen und der Handel kamen hinzu.
 
Die Urbevölkerung Mesopotamiens lässt sich nur schwer archäologisch nachweisen, aber es gilt als sicher, das der älteste Beweis eines Dorflebens weit über das Jahr 11.000 v. Chr. hinaus reicht. Mit der Entdeckung der Tempelanlage von Göbekli Tepe ist der bisher älteste Nachweis der Besiedlung 15km nordöstlich von Urfa (Edessa) zu finden. Auf ein Alter von ca. 11.500 Jahren wurde dieses Heiligtum noch vor der Sesshaftigkeit errichtet.
 
Eine weitere frühneolithische Siedlung ist Nevah Cori, gelegen am mittleren Euphrat, in der Provinz Sanliurfa. Weil der Mensch in dieser Zeit den entscheidenden Schritt zur Kultivierung und Sesshaftigkeit machte, wird diese Phase als "Neolithische Revolution" bezeichnet.
 
In den darauffolgenden Jahrtausenden folgten viele Kulturen, denen unter anderen Errungenschaften und Entwicklungen wie Baukunst, Kanalisation und Bewässerungsanlagen zugeschrieben werden. Die heute bekannteste und wissenschaftlich untersuchte Phase ist die Obeid-Kultur, benannt nach dem Tell-Obeid, einem kleinen Hügel etwa sechs Kilometer von Ur. Im südlichen Mesopotamien sind ihre Anfänge auf das Jahr 5900 v. Chr. datiert.
 
Eben diese Geographie nannten die Griechen „Mesopotamien“ (Zweistromland). Ihr Urvolk hingegen rief seine Heimat den Epochen und dem Geschichtslauf entsprechend mit den politisch-geographischen Namen Akkad, Assyrien, Aram oder Babylonien.
 
Später ist der griechische Begriff in die Syro-Aramäische Muttersprache übersetzt worden und wird daher bis heute „Beth-Nahrin (Zwischen den Strömen, Haus der Flüsse) genannt. Mesopotamien ist nur noch als geographischer Terminus geläufig. Die Staaten Türkei, Syrien, Irak und Iran teilen sich heute das Land.
 
Die Suryoye sehen das heutige Syrien, den Libanon, die Südosttürkei und den Irak als primäre zentrale demographische Siedlungsgebiete an und erachtet sie folglich als Heimat.
 
Gegenwärtig ist die Kultur und das Zeugnis der Suryoye in den folgenden Gebieten existent: Libanon, im Nordosten Syriens in den Gebieten entlang des Khabur (Djezire) und den westlichen Städten wie Damaskus, Homs, Hama und Aleppo, in den nordirakischen Gebieten von Zakho, Dohuk, Erbil sowie verstärkt in der Provinz Mossul (Dashta d`Niniveh/Niniveh Ebene) und in der Hauptstadt Bagdad (Babylon), im Gebiet der iranischen Stadt Urmia, im Südosten der Türkei, mit den Zentren in Mardin und Midyat (Turabdin) sowie in Urfa, Hakkari, Diyarbakir, Malatya, Antiochien, Elazig, Adiyaman, Siirt, Van und Bitlis.
 
II. Die Geschichte Mesopotamiens und Identität der Suryoye
 
1. Sumer-Akkad-Babylonien-Assyrien und die Aramäischen Stadtstaaten  
 
Das erste historisch fassbare Volk tritt um das Jahr 3500 v. Chr. aus dem Dunkel der Geschichte Mesopotamiens hervor, das Volk der Sumerer. Das Land hieß Sumer, übersetzt „Land der Wächter“, das in der Bibel erwähnte Land Shine’ar. Über ihre genaue Herkunft wird vonseiten der Wissenschaft spekuliert.

Ihre schöpferischen Werke in der Astronomie, Baukunst, Literatur, Mathematik und vielen anderen Bereichen prägten den Fortschritt des Menschen im Allgemeinen. Als wichtigste schöpferische Errungenschaft und Leistung der Sumerer in Mesopotamien ist die Schrift. Das Wagenrad und die schnell drehende Töpferscheibe waren ebenfalls sumerische Erfindungen. Das weltberühmte Gilgamesh-Epos wurde ebenfalls zu dieser Zeit verfasst.
 
Um 2300 v.Chr. gründete Sargon von Akkad in Mesopotamien das erste zentralistisch regierte Reich und löste somit die Vorherrschaft der Sumerer ab. Die sumerischen Städte verleibte er dem Imperium Akkad ein und übernahm große Teile der sumerischen Kultur. Unter seiner Herrschaft und später unter seinem Enkel Naramsin erblühte die akkadische Kultur, die sich mit der sumerischen vereinigte, zunehmend und fand Ausdruck durch die Bedeutung der akkadischen Sprache.
 
Nach dem Zerfall des akkadischen Imperiums, des neuerlichen Aufstiegs der Sumerer durch die III. Dynastie von Ur und Isin und der Einwanderung von neuen Völkern wie der Kassiten und Gutäer in das mesopotamische Zentralgebiet und deren Machtentfaltungen bestimmt mit dem babylonischen König Hammurabi ein weiterer semitischer Herrscher das politische Geschehen. Es gelingt Hammurabi, in Mesopotamien ein einheitliches Großreich Babylonien zu errichten, so dass sich Verwaltung, Handel und Rechtsprechung überall durchsetzten. Mit einem Rechtskodex sicherte Hammurabi die Rechte aller Klassen ab.
 
In den darauffolgenden Jahrhunderten wechselten sich regelmäßig die Staatengebilde und deren Herrscher ab. Erst Mitte des 14. Jh.s meldete sich Assyrien im Zuge der konsolidierten Politik der assyrischen Könige Shamshi-Adad, Assur-Uballit und Salmanassar für eine zeitlang auf der politischen Arena Mesopotamiens eindruckvoll zurück. Dennoch wurden alle politischen Gebilde von der Phase des Neuassyrischen Reiches in den Schatten gestellt. Das Neuassyrische Reiche sollte fast ganze drei Jahrhunderte die politischen Geschicke der gesamten bekannten Welt lenken.
 
 
Die assyrische Vorherrschaft brachte viele große und weise Könige wie Tiglat Pileser III., Königin Shamiram, Sargon II., Sanherib und Assurbanipal hervor. Auf die Städte wie Ninive, Assur, Nimrud, Babylon und Dour-Sharuokkin waren die Augen der bekannten Welt in Ehrfurcht und Angst gerichtet.
 
In der assyrischen Hauptstadt Ninive legte König Assurbanipal seine berühmte Bibliothek an, in der 25.000 Tontafeln gesammelt wurden.
 
Im Zweibund der Babylonier und Meder wurde Assyrien binnen weniger Jahre immer stärker bedrängt, so dass es 612 v.Chr. zum Fall von Ninive und 609 v.Chr. zur Eroberung der letzten assyrischen Bastion Harran kam.
 
Ein weiteres semitisches Volk stellten die Aramäer dar. Früheste Erwähnung finden sie in einer Inschrift des akkadischen Königs Naramsin aus dem 23. Jahrhundert v. Chr. Ihre Siedlungsgebiete waren in Syrien und Palästina konzentriert. Sie waren Halbnomaden und finden in den Überlieferungen der Assyrer und Hethiter im Jahre 1300 v. Chr. unter dem Namen Ahlamu Erwähnung. Sie gründeten mehrere Stadtstaaten wie Aram-Damaskus, Beth-Zamani, Beth-Adini, Aleppo und Hama. Gegen Ende des 2. Jahrtausend v. Chr. begannen die Aramäer damit, in vielerlei Hinsicht großen Einfluss auf die Geschicke in Südmesopotamien auszuüben. Ein Bündnis mit den Assyrern verhalf im 11. Jh. den Fürsten Adad-Apla-Iddin dazu, den Thron von Babylon zu besteigen. Aus den immer stärker werdenden aramäischen Stämmen in Südmesopotamien gingen schließlich die Chaldäer hervor.
 
Die Aramäer waren vor allem für ihre kulturellen und wissenschaftlichen Errungenschaften bekannt. Der größte Beitrag war die aramäische Sprache gewesen, die sich in kurzer Zeit zur Handelssprache mehrerer Nationen und Völker etablierte. Das Vordringen der aramäischen Kultur, beschleunigt durch die Deportations- und Umsiedlungsmaßnahmen des assyrischen König Tiglat-Pilesser III.,  wird heute vor allem als „Aramäisierung des Neuassyrischen Reiches“ bezeichnet. Mehrere hundert Jahre lang galt die aramäische Sprache in den Ländern des Vorderen Orients als Lingua Franca.
 
Mit der Thronbesteigung des babylonischen Generals Nabopolassars 626 v.Chr. trat eine neue Dynastie auf der Bühne der Weltgeschichte, die von der modernen Wissenschaft als "neubabylonisch" oder auch "chaldäisch" bezeichnet wird. Nebukadnezar, der Sohn und Nachfolger des Königs, machte sich sowohl als militärischer Führer als auch als Liebhaber und Förderer von Kunst und Architektur einen Namen. Von seiner Zeit stammen die kunstvollen Werke wie die Hängenden Gärten von Samiramis, der Turm zu Babel oder das Ishtar-Tor. Darüber hinaus erlebte Babylon in jener Phase eine Renaissance im Bereich der Wissenschaft, des Handels, der Medizin, Astronomie, Literatur und Religion. Das Ende des Babylonischen Reiches, dessen letzter legitime König der Aramäer Nabonid war, wurde 539 v. Chr. besiegelt, nachdem die Mönche und Priester der Stadt den anstürmenden Persern die Tore Babylons weit aufmachten. Mit der Eroberung Babylons verschwand das letzte autoritäre Gebilde der Vorfahren der Suryoye. Mit den Persern, später den Hellenen, Seleukiden und Römern begann die Zeit der Fremdherrschaft in Mesopotamien.
 
Obwohl in der vorchristlichen sowie nachchristlichen Phase in einigen Regionen kleine Königtümer wie in Osrhoene (Edessa), Adiabene und Nabatäa (Hatra) entstanden, hatten diese wenig regionalen Einfluss. Mit Ausnahme des palmyrinischen Königreiches (mit der Hauptstadt Tadmor) der Königin Zenubia Mitte des 3. Jh.s n. Chr. nahm die Geschichte kaum Kenntnis von den Suryoye.
 
Der Großteil der Geschichte nach dem Zusammenbruch der Imperien und der Ausbreitung der persischen, griechischen, römischen Hoheitsgewalt über die Hauptsiedlungsgebiete liegt weitestgehend im Dunkeln und ist wissenschaftlich umstritten. Historische Berichte belegen aber, dass sich im Zuge der ständig veränderten politischen Gebilde und die daraus resultierenden Eroberungen und Deportationen die Traditionen und Bräuche der semitischen Volksstämme (Akkader, Assyrer, Aramäer, Babylonier und Chaldäer) allgemein, wenn auch mit kleinen Unterschieden, durchgesetzt haben. Die Aramäisierung auf sprachlicher Ebene, die kulturelle und religiöse Babylonisierung und Assyrisierung Mesopotamiens sind in Schubphasen vor sich gegangen. Die Zugehörigkeit zur semitischen Rasse, die Liebe und Identifikation zur syro-aramäischen Sprache und das gemeinsame große kulturelle Erbe beschleunigte diesen Prozess.  
 
2. Christianisierung
 
Als eine der ersten Gemeinschaften konvertierte die aramäisch-sprechende Bevölkerung zum Christentum, aus dem die Kirche von Antiochien hervorging. Dadurch konnten sie sich als Volk ausdrücken und ihre Sprache, Tradition Kultur erhalten und neue Impulse geben. Mit der Christianisierung setze sich der Begriff „Syrer-Suroye, Suryoye“, unabhängig der Herkunft der jeweiligen Terminologie, durch.
 
Bis zum 4. Jh. wurden viele Lehreinrichtungen, Klöster und Universitäten errichtet. Die heute noch bestehenden Klöster Mor Gabriel, Deyrul Zafaran, Mar Qayoma, Mar Quryakos, Mar Khanana und Mar Matay zählen zu den ältesten christlichen Einrichtungen. Die bekannten Schulen von Antiochien, Gundhishapur (Beth Lappat), Qennishrin, Nisibin und Edessa (Urhoy) galten als Zentren der Theologie und Philosophie. Innerhalb dieser Mauern reiften bekannte Reformer, Theologen und Gelehrte wie Mar Afrem der Syrer, Rabbula, Jakob von Nisibin, Jakob von Serugh, Severus Sebokht oder der Patriarch Dionysios Tell Mahre, die die christliche Lehre und Philosophie  beeinflusst haben. Die apostolischen Kirchen verbreiteten das Christentum bis nach Indien und China. Im südindischen Kerela bestehen noch heute blühende christliche Gemeinden syrischer Tradition.
 
In der Phase der Abbaassidenherrschaft schufen viele Kirchenväter und Gelehrte eine beachtliche Zahl von literarischen Errungenschaften. In diese Zeit fällt auch die „Syrische Renaissance“ bzw. das „Goldene Zeitalter der Syrer“, die zahlreiche Gelehrte geprägt haben: Isaak von Niniveh, Hunayn Bar Ishak, Gregorius Bar Hebreus und Michael der Grosse.  
 
3. Die Kirchen der Suryoye
 
Die Suryoye gehören heute neun verschiedenen Kirchen bzw. Konfessionen an: syrisch-orthodoxe Kirche von Antiochien, syrisch-katholische Kirche von Antiochien, chaldäische Kirche von Babylon, assyrische Kirche des Ostens, alte apostolische Kirche des Ostens, melkitisch-griechisch-orthodoxe Kirche von Antiochien, melkitisch-griechisch-katholische Kirche von Antiochien, syrisch-maronitisch-katholische Kirche von Antiochien und die syrisch-evangelische Kirche.
 
 
4. Aramäisch: Die Sprache der Suryoye
 
Das Syro-Aramäische, das uns auch als die Sprache von Jesus Christus von Nazareth überliefert ist, gehört neben dem Hebräischen und Arabischen der semitischen Sprachfamilie an. Ihre Schriftform weißt starke phönizische Alphabeteinflüsse auf. Ab dem 1. Jahrtausend v. Chr. breitete sich die aramäische Sprache im westlichen Teil Mesopotamiens aus und verdrängte das Akkadische, Babylonische und Assyrische mitsamt den üblichen Dialekten. Während der Persischen Herrschaft über Mesopotamien wurde das Aramäische (Reichsaramäisch) zur offiziellen Sprache, der „lingua franca“, im ganzen Achämeniden Reich erklärt.
 
Während der Verbreitung des Christentums machte das Aramäische eine Christianisierung durch und in der Stadt Edessa (Urhoy, Urfa) entwickelte sich im 3. Jh. aus dem Ostaramäischen Dialekt eine Hochsprache heraus, die als Liturgie- und Literatursprache weit verbreitet wurde: Das Syrische. Sie ist heute die Liturgiesprache der verschiedenen Kirchen syrischer Tradition.
 
Vor dem Hintergrund der Eroberung Mesopotamiens durch die arabisch-muslimischen Volksgruppen wird das Syrische, wie dieser Dialekt des Aramäischen genannt wird und im Orient allgemein gesprochen wurde, im 8. Jh. n. Chr. vom Arabischen verdrängt.  
 
Infolge der geographischen Teilung der Region und den christologischen Streitigkeiten, bildeten sich dementsprechend zwei Hauptdialekte der Mundsprache des Neuostsyrischen (Aramäischen) heraus: Neuwestsyrisch (Turoyo) und Neuostsyrisch (Swadaya). Das Neuwestaramäische wird heute noch im syrischen Maalula gesprochen.
 
Auch die Schreibweise passte sich der Teilung an. So spricht man von der nestorianischen oder chaldäischen Art der Ost-Suryoye und dem Serto, dem Schreibcharakter der West-Suryoye. Allen gemeinsam ist das Estrangelo, die schönste und älteste Schriftform.
 
5. Massaker und Völkermorde
 
Die Suryoye überstanden im Laufe der Jahrhunderte die Willkür des römischen Kaiserreiches, die Verfolgungen durch das byzantinische Reich und persische Reich der Sassaniden, die einfallenden Ströme des Islams, die verheerenden Mongolenstürme und die Repressalien im Osmanischen Reich.
 
Die türkischen Seldschuken besiegten die Byzantiner im Jahre 1071 in Manzikert. 1288 gründete Sultan Osman l. das osmanische Reich. Im 14. Jahrhundert weiteten sie ihre Eroberungszüge nach Anatolien, Mesopotamien, und in den Mittleren Osten bis hin nach Mittelasien aus. Das osmanische Reich wird gegründet und expandierte in der Folge im gesamten Nahen Osten bis nach Afrika und im Westen bis nach Wien. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnten sie sich als kleine und aber sehr zerrissene Religions- und Sprachgemeinschaft am Leben erhalten.
 
Die politischen Entwicklungen des Kapitals, der Industrialisierung und vor allem der nationalen Befreiungs- und Unabhängigkeitskämpfe auf den Gebieten des Osmanischen Reiches erreichten Mitte des 19. Jahrhunderts neue Höhepunkte, was zu extremen polarisierten inneren und äußeren politischen Spannungen führte. Unter diesen Rahmenbildungen haben 1843, 1845 und 1895 zahlreiche Massaker an die christlichen Völker der Suryoye und Armenier stattgefunden.
 
1908 wurde in der Türkei die zweite konstitutionelle Staatsreform und das neue Parlament verabschiedet und eingeführt, wodurch das Sultanat abgeschafft wurde. Die Führung der zweiten Staatsform wurde vom „Bund zu Einheit und Fortschritt“ übernommen, die durch das Triumvirat der Jungtürken Enver Pasa, Taalat Pasa und Djemal Pasa. Die Ideen, Machtansprüche und Vorstellungen der Jungtürken mündeten in einer ultranationalistischen Ideologie – einer Paarung des Panturkismus bzw. des Turanismus mit dem radikalen Gedankengängen des Islams (Panislamismus), welche als Ziel die Errichtung eines Großtürkischen Reiches im Rahmen der Zusammenführung aller Turkvölker verfolgte.
 
Nachdem die christlichen Balkanvölker durch den Krieg von 1912 ihre Unabhängigkeit erlangten und das osmanische Reich auch in Afrika und Arabien durch die Aufstände der arabischen und nicht arabischen Völker Gebietsverluste erleiden musste, war das Reich nun auch in Mesopotamien, Thrazien und in Anatolien in die Enge getrieben. Aus der Befürchtung heraus, dass sie weitere territoriale Verluste hinnehmen, zogen sie 1915 den Plan zum Völkermord an die Christen in Mesopotamien und Anatolien heran.
 
Zwischen den Jahren 1914 bis 1923 wurden mehr 500.000 Suryoye verschiedener Konfessionen systematisch und organisiert massakriert. Mehr als zweidrittel der Gesamtbevölkerung in den Hauptsiedlungsgebieten Nordmesopotamiens und im Iran wurden bis auf Ausnahme von kleinen Bevölkerungsteilen hin dezimiert. Dieser Völkermord ist bis heute relativ unbekannt geblieben und wird vom Nachfolger des Osmanischen Reiches, der Türkei, nach wie vor vehement bestritten. 
 
6. Der Vertrag von Lausanne und seine Folgen
 
Nach dem Ersten Weltkrieg zogen die europäischen Siegermächte die Grenzen im Mittleren Osten nach machtpolitischen Interessen, ohne die Bedürfnisse der dort lebenden Minderheiten zu berücksichtigen. Das internationale Tauziehen endete schließlich am 24. Juli 1923 mit der Ratifizierung des Lausanner Abkommens. Im Zuge dieses Vertrages wurde die Heimat der Suryoye geteilt, die Bevölkerung von einer Staatshoheit zur anderen verschachert und die Rechte des indigenen Volkes minimalisiert und auch in den späteren Verträgen aufs äußerste eingeschränkt. Die Gespräche in den Nachkriegserverhandlungen waren von zwei wesentlichen Punkten bestimmt.
 
In der Minderheitenfrage, einschließlich der Wiederansiedlung der Suryoye in Hakkari und in der Frage der Zugehörigkeit des Mossul-Gebietes. Die Minderheitenfrage und der Wiederansiedlungsplan der Suryoye erfuhren aufgrund der wechselnden englischen Interessen heftige Abstriche. Die Mossul-Frage blieb dem Schiedsspruch des Völkerbundrates überlassen.
 
Eine andere wichtige und gravierende Veränderung trat im Laufe der Konferenz auf: Der Begriff „nationale Minderheiten“ wurde gegen den Begriff „religiöse Minderheiten“ und später „nicht-muslimische Minderheiten“ ausgetauscht. Der Verhandlungsmarathon um den Frieden nach dem Krieg endete vorläufig damit, dass die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches die uneingeschränkte Souveränität über Kleinasien zurück gewann.
 
Im Rahmen des Lausanner Abkommens verpflichtete sich die Türkei jedoch in der Sektion III hinsichtlich des Schutzes der Minderheiten, in den Artikeln 37 - 45, die Rechte der „nicht-muslimischen Völker“ verfassungsgerecht zu gewährleisten. Folglich garantierte die Türkei im international gültigen Vertrag, dass die Suryoye ein gleichberechtigtes Leben in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht führen könne. Dennoch wurden jene Rechte für „religiöse Minderheiten“ innerhalb des türkischen Staatsgebietes von Beginn des Inkrafttretens des Vertrages bis heute den Suryoye verweigert.
 
Denn im Lausanner Vertrag von Juli 1923 sind nach der staatlichen Interpretation nur drei nichtmoslemische Minderheiten berücksichtigt, nämlich die Armenier, die Griechen und die Juden. Obwohl im ursprünglichen Text von 1923 nur von „nicht-muslimischen Minderheiten“ die Rede ist und keine genaue Definition erfolgt, lässt sich aus dem Kontext des Vertrages jedoch folgern, dass die Suryoye inbegriffen sein müssen, da es eine religiöse Minderheit mit einer eigenständigen Identität, Kultur, Religion und Tradition darstellt, die weitaus älter ist als die damalige und heutige Türkei selber.
 
Im Jahre 1925 entschied der Rat des Völkerbundes, dass die Region von Mossul an den Irak fallen sollte. Beendet wurde der britisch-französische Ölstreit über die Ölquellen von Mossul mit einem Vertrag am 5. Juni 1926. Im Zuge des Vertrages wurden die Grenzen zwischen Irak und der Türkei festgelegt und dem Irak die Anerkennung als unabhängigen Staat zugesichert.
 
7. Emigration und Diaspora
 
Die auf den Heimatländern Mesopotamiens wechselnden politischen Regime übten vor dem Hintergrund des aufstrebenden arabischen und türkischen Nationalismus sowie des erstarkten islamischen Radikalismus starke religiöse und ethnische Unterdrückung und Benachteiligung aus, die sich bis heute in der Türkisierungs-, Kurdisierungs- und Arabisierungspolitik niederschlägt. Unter diesem Aspekt sind nationale, gesellschaftliche und kulturelle Institutionen und Einrichtungen strengstens untersagt.  
 
Die Massaker von 1924 im Hakkari durch die neugegründete Türkei, das Massaker von Simele 1933 und 1969 in Dohuk und Sorya durch die irakischen Militärs, die Errichtung eines Gottesstaates im Iran, die Golfkriege sowie die Bürgerkriege im Libanon waren vorläufige Höhepunkte der Tragik, die nur vom anhaltenden Verbot der Ausübung und Pflege von Sprache, Kultur, Religion und persönlicher Freiheit überschattet wurden.

Augrund der politischen und religiösen Verfolgungen und Einschränkungen fand in den letzten 150 Jahren zunächst eine innere Emigration innerhalb der Heimatländer und später eine verstärkte Auswanderung in die Länder der westlichen Welt statt.
Der wohl größte historische Einschnitt in die nationale und gesellschaftliche Entwicklung war der Völkermord. Angesichts der Tatsache, dass in jener Epoche die Völker und Nationen ihre Nationalbewegung konzipierten und realisierten, ihre kulturellen und historischen Leitlinien definierten und ihre Freiheit erlangten, bedeutete der Genozid der Einbruch von gesellschaftlicher Entwicklungs- und Leistungsfähigkeit.
Die in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts vorherrschenden demographischen Veränderungen, der durch Massaker und Flucht verursachte Bevölkerungsverlust, der nachfolgende nahezu vollendete  kulturelle Vernichtungs- und Assimilationsfeldzug waren zu Beginn der Pariser und Lausanner Friedensverhandlungen maßgeblich dafür verantwortlich, dass auch das Projekt der Erlangung von Recht scheiterte. 

Die Krisen im Nahen- und Mittleren Osten, die abwechselnden antidemokratischen Regime und die damit einhergehende Verfolgungs- und Diskriminierungspolitik waren im Nachhinein die wesentlichen Schubfaktoren für die Emigration. Die Auswanderung aus dem Kerngebiet hatte zufolge, dass gegenwärtig mehr Suryoye in den USA, Europa, GUS-Staaten, Australien, Lateinamerika, Neuseeland und in vielen anderen Ländern leben, als in den Staaten des Mittleren Ostens. Deshalb leben einige Millionen Suryoye verstreut und in kleinen Gruppen in vielen Ländern der Diaspora. Die Identität des Suryoyo Volkes ist international nicht anerkannt. In Europa leben heute etwa 300.000 Suryoye, davon etwa 80.000 in Deutschland. 

8. Gegenwärtige Lage

Um die Pflege und Erhaltung der Kultur, Sprache und Religion zu gewährleisten, haben sich die Suryoye in der Diaspora zu Gemeinden, Vereinen und Einrichtungen zusammengeschlossen. Die deutschlandweit verstreuten Suryoye Kirchengemeinden sind in der Diözese der Syrisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien in Deutschland zusammengeschlossen. Das Patriarchal-Vikariat Deutschland führt Mor Julius Hanna Aydin. 
Die Assyrische Kirche des Ostens verfügt in Deutschland über zwei Gemeinden und einen eigenen Bischof. Neben einzelnen chaldäischen, melkitischen und maronitischen Gemeinden existieren auch kleinere Zusammenschlüsse von Mandäern in Deutschland. 

Ferner verfügen sie die Suryoye über politische Organisationen und Institutionen, die sich den Möglichkeiten entsprechend um die Belange der nationalen Frage kümmern: Die Assyrisch Demokratische Organisation (ADO), die World Council of Arameans(Syriacs) (SUA) und die European Syriac Union (ESU) dürfen zu den aktivsten in Europa gezählt werden.

Während in der Diaspora Identitäts- und Kulturwidersprüche zu einem gesellschaftlichen Einbruch hinsichtlich des sozialen und kulturellen Lebens innerhalb der Institution Familie und der Gemeinden geführt haben, ist in den Heimatländern bis heute die Gründung von kulturellen, sozialen und politischen Einrichtungen und Institutionen entweder staatlich untersagt oder mit vielen schwierigen Problemen verbunden.

Dennoch gibt es aktuelle Entwicklungen, die positiv stimmen, da in einer globalisierten Welt der interkulturelle Dialog und die Toleranz wichtiger als jemals zuvor geworden sind. Die EU-Kandidatur der Türkei und die Neuordnung des Iraks haben für die Suryoye neue Perspektiven für eine sichere und friedliche Zukunft, aber auch große Gefahren in ihrer Heimat eröffnet.
Die Demokratisierung der Türkei verläuft dennoch schleppend. Reformen können nicht oder nur mit radikalen Abstrichen umgesetzt werden. Obwohl einige Suryoye aus der Diaspora in den Turabdin zurückgekehrt und andere rege Baumaßnahmen vornehmen, tauchen in regelmäßigen Abständen Probleme in rechtlichen, religiösen und politischen Fragen auf. Staatliche Regelungen, die nicht gesetzlich verankert und durch die Anerkennung als Minderheit unterstrichen werden, sind nur pro forma und Lippenbekenntnisse.
Die Türkei wehrt sich bis heute, die Suryoye als Minderheit gemäß dem Vertrag von Lausanne anzuerkennen. Der Unterricht der aramäischen Muttersprache ist offiziell nicht genehmigt.

Die Invasion der USA im Irak und die Radikalisierung der islamischen Konfessionen vor dem Hintergrund der Einflüsse aus dem Iran und aus Syrien verursachen schlimme Folgen für die schwächsten Glieder des Landes: den Minderheiten und Christen. Nach Schätzungen von Flüchtlingsorganisationen sind mehr als ¾ der irakischen Flüchtlinge Christen.
Säuberungsaktionen von Terrorgruppen und Ängste der Suryoye im Süden und Zentrum des Landes verstärken den Flüchtlingsstrom nach Syrien, Jordanien und in den Nordirak. Aktuell streben dahingehend die Suryoye die Durchsetzung eines Autonomiegebietes in der Niniveh-Ebene an. Diskussionen über Wege, Modalitäten, Mittel und Konstruktionen befinden sich auf der Agenda, sowohl der höchsten politischen Instanzen der USA als auch der Europäer. 

Verwendete Literatur:
- Gebhard J. Selz: Sumerer und Akkader: Geschichte, Gesellschaft, Kultur,  C.H. Beck Verlag, München  2004, 63ff
- The Assyrian Question; Joseph Yacoub.
- Dietz Otto Edzard, Geschichte Mesopotamiens. Von den Sumerern bis zu Alexander dem Großen, München 2004,
- Michael Jursa: Die Babylonier - Geschichte, Gesellschaft, Kultur. C. H. Beck, München 2004
- Syrer- Die unbekannten orientalischen Christen, Andreas Heinz; Glane/LOsser 1997
- W.H.C. Frend, The Rise of Christianity. (Augsburg Fortress Publishers, 1984), 175.
- Die Verborgene Perle, Band II – Die Empfänger des Antiken Aramäischen Erbes
- Mar Afrem Barsoum, The Scattered Pearls: History of Syriac Literature and Sciences
- Die Syrisch Orthodoxe Kirche durch die Jahrhunderte, Ignatius Zakka I. Iwas, HL 1995
- Gabriele Yonan, Assyrer Heute, Berlin 1978

       
 
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